Christoph Hommel

STOP – Nur nach Aufforderung öffnen

Der Funkspruch war nicht eindeutig: Benötigte die Person, um die es ging, medizinische Hilfe oder wollte sie einfach nur ihren Rausch ausschlafen? Die Notfallsanitäter vom Deutschen Roten Kreuz mussten sich vor Ort ein Bild machen. Einer von ihnen war Christoph Hommel. „Ich kann das einschätzen, wenn zu viel Aggression den Rückzug erfordert“, sagt er. In diesem Fall reagierte die alkoholisierte Person jedoch unvermittelt und trat ihm in den Rücken. Er stürzte mehrere Treppenstufen hinab auf Granitplatten und brach sich die Hand. Der weitere Angriff traf seinen Kollegen, dessen innere Organe verletzt wurden – eine schwere Körperverletzung, und das nur aufgrund einer Ansprache. Die beiden verletzten Sanitäter traten den Rückzug an und verschanzten sich im Hausmeisterbüro. Dort warteten sie auf die Polizei, die nach bangen Minuten in Mannschaftsstärke erschien. „Ein Jahr konnte ich in der Folge nicht arbeiten“, sagt Christoph Hommel und berichtet von mehrfachen Operationen.

„Es liegt in der Natur mancher Menschen, dass sie ein Ventil brauchen, und es ist ihnen egal, wen es am Ende trifft“, sagt der Notfallsanitäter, der inzwischen auch als Dozent an der Rettungsdienstschule tätig ist. Er weist auf den „Realitätsabgleich“ nach der Ausbildung hin. „Da werden die jungen Menschen über drei Jahre für den Umgang mit schweren Notfällen ausgebildet, und tatsächlich geht es in der Praxis oft nur um Befindlichkeitsstörungen. Früher hat niemand ungefragt die Tür eines Rettungswagens aufgemacht. Heute kommt das häufig vor, wenn zum Beispiel jemand mit dem Auto nicht durchkommt. Wir mussten sogar Schilder anbringen mit der Aufschrift: STOP – nur nach Aufforderung öffnen.“

Hommel, der alle Rettungsmittel bedient, also Notarztzubringer, Rettungswagen und Krankentransporter, wird künftig als organisatorischer Leiter des Rettungsdienstes tätig sein, das heißt bei Großschadensereignissen, Verkehrsunfällen mit Schienenfahrzeugen oder Großbränden die Koordination übernehmen, was eine Menge Erfahrung, Ruhe und Liebe zum Beruf braucht. „Schöne Erlebnisse gibt es viele“, stellt er fest und lobt die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen. Er sagt aber auch: „Jeder Fehler, den ich begehe und der von den Kolleg*innen nicht bemerkt wird, kann lebensbedrohende Folgen haben.“

Christoph Hommels Freundeskreis besteht weitgehend seit der Grundschulzeit, obwohl es aufgrund seiner Arbeitszeiten, die häufig auch das Wochenende umfassen, schwer ist, ihn aufrechtzuerhalten. Er wünscht sich, dass der berufliche Normalzustand wieder einkehrt. „Covid hat doch alle sehr belastet. Die halbe Nation hat sich über Masken beschwert, die andere über zu viel Freizeit – nur wir waren dazwischen, und immerzu im Einsatz, oft im Ungewissen schwebend, ob wir uns nicht auch infiziert haben.“ Zerstreuung findet er am liebsten bei technischen Basteleien, unter anderem im Elektronik- und Informatikbereich.