Mit Empathie ist schon vielen geholfen
„Ob man sich mit dem Blatt in den Finger geschnitten, Kopfschmerzen oder Brechdurchfall hat, in Deutschland ist man sehr verwöhnt“, sagt die ausgebildete Narkose- und Notärztin Flavia Nobili. Als Kind wollte sie an einer Tankstelle arbeiten: „Es faszinierte mich, wie viel Geld der Tankwart für das Betanken der Autos im Portemonnaie hatte.“ Dass sich die gebürtige Römerin dann doch für ein Medizinstudium entschied, mag Familientradition sein, denn ihr Vater war bereits Arzt. Aufgrund ihrer guten Deutschkenntnisse – sie besuchte eine deutsche Schule – studierte die sympathische Frau Medizin in Rostock und Regensburg, noch heute schwärmt sie von der Stadt an der Donau. Inzwischen arbeitet sie bei der Stadt Köln im Rettungsdienst.
„Jeden Tag ist man woanders“, erzählt die Notärztin über die 12-Stunden-Schichten im Rettungsdienst. Das liege daran, dass der Rettungsdienst den Feuerwachen angegliedert sei und die personelle Zusammensetzung sich immer wieder ändere. „Und man weiß nie, was kommt. Das ist spannend und manchmal nicht ungefährlich.“ Zum Beweis erzählt sie von einer alten Dame, einer Psychosepatientin, die eine Vase nach ihr warf, oder von einem Patienten, der ein Heizungsthermostat als Wurfgeschoss nutzte. Aber es geht noch schlimmer: Sie berichtet von einer Kollegin, die mit einer Waffe bedroht wurde und sich auf den Balkon retten musste. „Ich fühle mich trotzdem immer sicher, wenn wir im Team unterwegs sind“, sagt Nobili, die nicht nur auf den Fahrer des Notarztwagens bauen kann, sondern auch auf die Besatzung des Rettungswagens. „Ich bin sehr gerne unter Menschen, da kommt man aus seiner Blase heraus.“
Die Fähigkeit, auf andere Menschen zugehen und sich empathisch in deren Lage versetzen zu können, hat ihr sicher auch bei dem ukrainischen Geschwisterpaar geholfen, das nirgendwo klarkam. Selbst aus dem Heim wurden die Geschwister ausgewiesen, weil sie nur randalierten. Eine Einweisung in die Psychiatrie stand bevor. „Leider können wir das Problem an sich nicht immer beheben, man kann nur für den Moment eine Lösung finden und positiv einwirken“, bemerkt Nobili, die sich den beiden Kindern immerhin nähern konnte, deren Vertrauen erwarb und sie beruhigte. Eingeliefert werden mussten sie trotzdem. „Es ist schade, dass man als Notarzt kein Feedback bekommt und nicht erfährt, was später mit den Patienten passiert“, ergänzt sie. „Ich arbeite gern im Rettungsdienst, weil ich das Gefühl habe, hier sind wir Menschen alle gleich.“
Nächstenliebe und Respekt gegenüber jedermann ist somit auch ihre Maxime. Privat bleibt Flavia Nobili ihrer italienischen Seele treu, sie kocht leidenschaftlich gerne mediterran, wünscht sich Ruhe und ein kleines Haus auf Sizilien. Aber erst einmal reisen, die Welt kennenlernen, zum Beispiel quer durch Australien, allerdings nicht mit dem Wohnmobil, denn, scherzt sie, „Campen ist nicht so meins“.